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GEFÄSSE .. JARS ....

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....Marina Blanca: Gefäße als Stückwerk

Marina Blancas neuen Arbeiten der Jahre 2008 bis 2012 folgen dem Motto des großen europäischen Reisenden der Renaissance, Michel de Montaigne’s: „Wir sind aus lauter Flicken und Fetzen und so kunterbunt unförmig zusammen gestückt, dass jeder Lappen jeden Augenblick sein eigenes Spiel treibt.“ Nach jahrelanger Beschäftigung mit individuellen und kollektiven Porträtdarstellungen in Gesichtsausdruck, Körperhaltung oder Farbwirkungen unterschiedlicher Materialien nahm sie auch Möbel, Vasen oder Lampen ins Visier ihrer biografisch gerichteten Anschauung. Womöglich sehnten sich die klein und groß dimensionierten Sesselobjekte in Bronze der Jahre 2000 bis 2008 mit ihrem filigranen Spitzen- und Trottelbesatz nach der Geborgenheit einer behüteten Kindheit.

Mit der Zeit entschwanden die porträtgenauen Gesichter oder sie wurden zu dinghaften Körpern, zu Gefäßen, deren Zerbrechlichkeit reparabel ist wie die medizinische Lieferung körpergerechter Ersatzteile. Diejenigen Gefäße, die wir heute dem geneigten Publikum zur Anschauung bringen, bilden nicht ihren Gebrauchswert ab. Als hybride Gegenstände entsagen sie ihrer Funktionalität und sind mit Hegel ganz ‚an und für sich‘. 

Denn sie entstanden als Produkte von Zufall, von materiellem Irrtum im Umgang mit neuen Gieß- und Brenntechniken, von Fehlern und Scheitern im Umgang mit Gestaltungmaterial, das sich nicht schadlos der Beherrschung beugt wie unsere weltweit digitalisierte Vernetzung und der zunehmende Verlust ihres kommunikativem Werts. Was also fassen Marina Blancas Gefäße?

Die Einsicht in das Stückwerk des Seins mit unvorhersehbarer Zukunft. Die Aussicht auf Gebrauchsfähiges, dessen Haltbarkeit in der sensiblen künstlerischen Arbeit mit Glasfluss und glasiertem Ton, Epoxiharz und Bronze besteht, die Sicht auf Beständiges, das Halt gibt und nicht wie in Kleists Lustspiel am Brunnen bricht wie Eves zerbrochener Krug.

Die Ansicht neuer Gestaltung uralter handwerklicher Traditionen, deren Materialien mit starken asiatischen Einflüssen und Anleihen ihren schöpferischen Höhepunkt im Jugendstil und Art Déco erreichten, zumal in der Kaiserstadt Wien und den k.u.k. Kronländern, vor allem in der Manufaktur Zsolnay im ungarischen Pécs, die seit 1873 mit ihren Produkten auf den Weltausstellungen glänzten. 

Marina Blancas hybride Gefäße und Fassungen folgen diesen genealogischen Linien. Hier im Untergeschoß hier lässt sie eine ganze Armee von Keramikkrügen in soldatesker Kompaktheit aufmarschieren.

Sie findet den Kompromiss zwischen Bruch und Brand: sie formt feminine Sinnlichkeit, indem sie knallbunte vegetative Schwellkörper nach außen kehrt. Dabei wachsen wiederum Figuren wie anmutige Fruchtknoten in pilzartige gläserne Gewächse hinein und zugleich aus ihnen heraus. 

Somit treibt ihr ästhetischer Zugang zum verkehrten Warenwert solcher aus Flicken und Fetzen gefügter Fassungen nach Montaignes Weisung „jeden Augenblick sein eigenes Spiel“, und zwar mit uns, die jene Gefäße als Stückwerk betrachten: als Sinnbild unseres Seins zwischen Bruch und Brand und ohne Verfallsdatum, solange der Krug nicht bricht.

Marie-Louise von Plessen ..Marina Blanca: Jars

Marina Blanca’s latest works from 2008 to 2012 follow the moto of the great Renaissance traveler Michel de Montaigne: “We are motley and shapelessly plugged together of nothing but patches and scraps, and each rag goes for its own game at any moment“.
After having studied individual and collective portrays in the expression of faces, postures and color effects of different materials throughout the years, Marina Blanca started to focus her biographically oriented view on furniture, vases or lamps. Maybe her small and large Chair Objects in bronze, created between 2000 and 2008, with their filigree laces were longing for the security of a sheltered childhood. 

As time went by Marina Blanca's realistically portrayed faces gradually vanished, mutated like bodies into objects, sculptures and jars. Their fragility seems to be repairable, like medical deliveries replace accurately shaped parts to fit the human body. Yet these jars are not displaying their value of utility. As hybrid objects they rather renounce on their functionality to become objects „as such“ in their own value, according to Hegel’s definition. Because they resulted in coincidences, in material error due to the handling of new casting and burning techniques, in mistakes and failure in the process of mastering creative material, that does not easily submit to domination. Just like our global digital networking and the increasing loss of its communicative values.

So what do Marina Blanca‘s jars contain?

An understanding for the patchwork of our existence looking towards an unpredictable future. A view on usefulness, its durability created by sensitive artistic work with flowing glass, glazed clay, epoxy resin and bronze. A supportive view on consistence that will not break at the well like Eve’s broken jar in Heinrich von Kleist’s comedy ‘The broken jar’.

Now let us look at her new design rooted in traditional craftsmanship, a material showing a strong Asian influence and inspiration with their creative peak in the period of Art nouveau and Art déco particularly in the imperial city of Vienna and the states of the imperial crown. At the Vienna world exhibition in 1873, Zsolnay’s glass factory products in Hungarian Pécs were outshining.
Marina Blanca’s hybrid jars and mountings follow these genealogical lines. In this basement she has a whole army of ceramic jars perform like a compact band of soldiers.
Molding female sensuality,  between break and firing she forms a compromise, while turning gaudy vegetative cavernous bodies to the outside. Figures like graceful ovaries are growing into glass plants, simultaneously to the outside as if they were mushrooms. 

Her aesthetic access to the inverted value of goods, those mountings of patches and scraps, in Montaigne’s terms "play their own game at every moment“. They do it even with us who look at those jars as patchwork: As a symbol of our existence between fracture and burning, without an expiring date, as long as “the jar does not break”.

Marie-Louise von Plessen
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