Marina de Sóller, 2024
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Marina de Sóller – Eine Erläuterung
Alle künstlerischen Aktivitäten Marina Blancas erweisen sich bei näherem Betrachten als Bildhauerei. In manchen ihrer Skulpturen verstecken sich Portraits, obwohl sie sich als Lampen oder Vasen gebrauchen lassen. Andere, wie ihre Marina de Sóller Konfitüre-Workshops sind tatsächlich hochgradig vergängliche Community-Gebilde im Raum, deren Nebenprodukte sich aber als köstliche Orangenmarmelade verspeisen lassen.
Pomeranzen sind Bitterorangen, mit denen schon im 18. Jahrhundert Marina Blancas Urahninnen in Danzig ihre weit gerühmten Schnäpse und nebenher auch eine besondere Orangenkonfitüre herstellten. Die Rezepte wurden durch die Generationen innerhalb der Familie weitergereicht. Als die Künstlerin auf ihrer Finca in Sóller zwanzig alte Bäume genau dieser Orangen entdeckte, beschloss sie, die vergessene Tradition wieder aufleben zu lassen. Um dem heutigen Geschmack gerecht zu werden, fügte sie einen Prozentsatz einer anderen Sorte sehr süßer Orangen hinzu, die nur in Sóller wachsen und die sie auch in ihrem Garten vorfand. Die Mischung macht ihre Marmelade unverkennbar.
Einmal im Jahr trommelt sie seit 20 Jahren die unterschiedlichsten Menschen als dreitägige Projektgemeinschaft zusammen, um die Konfitüre zu kochen und in unzählige kleine Gläser zu füllen. Als Künstlerin wiederbelebt sie mit den Zusammenkünften nicht nur das materielle Produkt Orangenmarmelade, sondern zugleich etwas viel Größeres und weitgehend Entschwundenes: die freudigen Energien einer vorindustriellen Großfamilie oder Dorfgemeinschaft.
Die nutzt sie als immaterielles Material für eine unsichtbare und mehrdimensionale Skulptur, die genauso lange hält wie die Aktivitäten, die Zusammenkünfte und die Marmelade selbst.
Ein wesentlicher Bauteil dieser Skulptur ist eine wortlose Anrufung der Ahnen. Marina Blanca ehrt sie, indem sie als Künstlerin etwas von ihnen Überliefertes aktiv wieder aufleben lässt, es zugleich aber aus dem viel zu engen Käfig der Exklusivität befreit. Unerwartet fällt damit Licht auf ein weites, zwischenmenschliches Geflecht, das sich unterirdisch in Vergangenheit und Zukunft und gleichzeitig an der Oberfläche gegenwärtig in alle Himmelsrichtungen ausdehnt.
Ungewöhnliche Gespräche ergeben sich, zeitweilig meditative Konzentration und ein ruhiges Glücksgefühl bei der Tätigkeit. Gute Laune breitet sich aus, ein Markenzeichen der Kunst Marina Blancas. Bei Außenstehenden setzt die spätestens beim Probieren der Marmelade ein. Doch beginnt sie schon beim Bestellen der Zutaten und Einladen der Teilnehmer und hält so lange, bis der letzte Rest Marmelade aus dem letzten Glas irgendwo auf der Welt heruntergeschluckt wurde.
Angelika von Hatzfeldt, 2024.