Marina Blanca

 
Anmerkungen zu den Ton- und Glasobjekten

Nachdem mich das Porträt als Erscheinung des Individuums und damit auch seiner Verletzlichkeit und Endlichkeit seit Jahren beschäftigt hatte, bemerkte ich, dass ich diese Fragen auch in andere Bereiche der Gestaltung übertrug. Waren es vordem einzelne Personen, deren einzigartige Existenz ich in einem Gesichtsausdruck, einer charakteristischen Körperhaltung zu entdecken und durch bestimmte Farbwirkungen auszudrücken versuchte, so sollten mir in der Folge auch Objekte wie Vasen, Möbel, Lampen zum quasi-menschlichen vis-à-vis geraten. Nicht nur begegneten mir immer wieder ähnliche Probleme, die sich ganz allgemein als skulpturale beschreiben lassen: Wie steht etwas in der Welt? Ist seine Form offen oder verschlossen? Wie appelliert Gestalt und Oberfläche an unser Körpergefühl, an unseren Blick? Die Dinge entdeckten mir nach und nach auch ihre Gesichtlichkeit, ihren Körper, ihre Fragilität und diese Erfahrungen wirkten wiederum auf meine Menschenbilder zurück: Gesichter verloren an Bedeutung, verschwanden oder wurden dinghaft, Körper wurden zu Gefäßen, die zerbrechen und geflickt werden können und sich als Geflickte wiederum zum zwar versehrten und doch intakten Gegenüber aufrichten. Fragen der Funktionalität und Dysfunktionalität von Dingen verbanden sich mit Fragen menschlicher Zu- und Unzulänglichkeit. Der Werkstoff Ton, aus dem ich diese Objekte formte, kommt diesen Interessen in mehrfacher Hinsicht entgegen insofern er im Laufe der Produktion seinen Charakter grundlegend verändert: als roher ist er weich und formbar, erlaubt eine Kommunikation, als gebrannter erstarrt er, entzieht sich, wird zerbrechlich und spröde.
Diese Qualitäten hat auch Glas; nur ist es gerade als formbares Material mir unzugänglich. Als ich daher im Februar 2011 eingeladen wurde, in einer Glasfabrik zu arbeiten, stellte mich der Werkstoff vor eine völlig neue Herausforderung: erstmals konnte ich nicht selbst Hand anlegen, sondern musste mich auf die Hände und das Können anderer, nämlich der Glasbläser verlassen. Die unmittelbare Kommunikation, die sich bei der Bearbeitung von Ton ergibt, verschob sich auf eine vermittelte; was ich vom Material wollte, musste erst einmal Wort und Sprache werden, um der glühenden Glasmasse wiederum von anderen eingehaucht werden zu können. Die Objekte, die diese spezifische Situation gebar, waren von einer unberührbaren kühlen Pracht, ähnlich der, die Mikroaufnahmen von Bakterien und Viren erzeugen, deren eigentümliche Schönheit in einem merkwürdigen Gegensatz zu ihrem gefährlichen Potential steht. Diese Wirkung war mir fortan Widerstand und ich versuchte sie insofern zu konterkarieren, als ich das Material in die unmöglichsten Farben und Formen zwang: So spottet die oft schrille Farbigkeit den sonst üblichen gedeckten Mineralfarben, der perfekten Glätte der Oberfläche wird von Formen widersprochen, deren darmartige Wülste und nach Innen gestülpte Lippen an den nassen Glanz von freigelegten Organen denken lassen./oder einfach: ein Körperinneres evozieren.